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Diplomarbeit: Zielvereinbarungen
nach § 5 Bundesgleichstellungsgesetz
am Beispiel des Deutschen Gehörlosen-Bundes e.V. |

2. Fallbeispiel: Gehörlose und Fernsehen

Im Deutschen Gehörlosen-Bund e.V. sind 35.000 von ca. 50.000 in Deutschland lebende Gehörlose organisiert.3
Gehörlosigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass die gesprochene Sprache nicht über das Gehör wahrgenommen werden kann. Von daher sind alle akustischen Medien für Gehörlose nicht nutzbar.
Sie sind auf visuelle Medien angewiesen. Das Fernsehen ist in unserer heutigen Zeit ein wichtiges Medium, bei dem man sich u. a. über das politische und kulturelle Weltgeschehen aktuell und umfassend informieren kann. Es ist ein audiovisuelles Medium.

Portrait einer Person

Die Gehörlosen können die Bilder im Fernsehen wahrnehmen. Jedoch all die Informationen, die daneben über die gesprochene Sprache laufen, können von Gehörlosen nicht rezipiert werden.
Da nahezu alle Sendungen im Fernsehen auch von diesem akustischen Medium begleitet werden, sind Gehörlose permanent von relevanten Informationen abgeschnitten. Dieses Problem lässt sich durch Visualisierung akustischer Informationen (Tonsubstitution) wie Untertitelung und/oder Einblendung von Gebärdensprachdolmetschern leicht beheben.

Die öffentlich-rechtlichen Sender untertiteln einen Teil ihrer Sendungen, die privaten Sender mit Ausnahme von ProSieben überhaupt nicht.4
Nach einer Untersuchung der Unabhängigen Landesanstalt für das Rundfunkwesen (ULR) beträgt die Untertitelungsrate ca. 2% des Gesamtprogramms.5
Die Anzahl der Sendungen, die die gesprochene Sprache in Deutsche Gebärdensprache verdolmetschen, ist verschwindend gering und wird nur von öffentlich-rechtlichen Sendern angeboten.6

Folgerichtig kommt die Untersuchung der ULR zu dem Ergebnis
"Es besteht generell also ein großes Defizit an Sendungen mit Tonsubstitution im deutschen Fernsehen (Hervorhebung im Original)".7
Sie legt folgendes Handeln nahe: "Das gegenwärtige Angebot tonsubstituierter Sendungen müsste im Hinblick auf die in unserer Nutzungsanalyse nachgewiesenen gravierenden Defizite umfassend erweitert werden. Das sollte zum einen über vermehrte und zu optimierende Untertitelung geschehen, zum anderen aber auch durch Ausweitung der Gebärdenspracheinblendungen."8

Aufgrund dieses Missstandes hat sich der Deutsche Gehörlosen-Bund als Interessenvertreter der Gehörlosen und anderer Hörgeschädigter auf Bundesebene jahrelang dafür eingesetzt, dass die Sendungen im Fernsehen (vermehrt) barrierefrei gestaltet werden. Mit der Zielvereinbarung nach § 5 BGG steht dem Deutschen Gehörlosen-Bund ein weiteres Instrument zur Verfügung, um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen.

Fussnoten:

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3 Wegen der besseren Übersichtlichkeit wurde für das Fallbeispiel in der gesamten Arbeit die kursive Schreibweise gewählt.

4 Zurzeit bietet der Privatsender ProSieben jeden Sonnabend einen untertitelten Spielfilm an.

5 Prillwitz, S. 294

6 Vor allem Phoenix bietet abends die Nachrichtensendungen (Tagesschau, heute journal) mit Gebärdensprachdolmetschereinblendung an.

7 Prillwitz, S. 294

8 Prillwitz, S. 324

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Diplomarbeit vorgelegt von Thomas Worseck
Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik
Hamburg, den 23. September 2002
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Dank für die Fotos an photocase.de, intuitivmedia.net und stock.d2.hu.